Das Evangelium nach Maria
[Aus: „Das neue Testament und frühchristliche Schriften“ übersetzt
und kommentiert von Klaus Berger und
[

Maria Magdalena 16. Jh. Holland
]
Einleitung:
Das Evangelium nach Maria (Magdalena) gehört zu den Texten des
koptischen Papyrus Berolinensis 8502. Es ist eines
der »Evangelien«, die Dialoge zwischen dem Auferstandenen und Jüngern und
Jüngerinnen zum Inhalt haben.
In den Kapiteln 8 und 9 findet sich eine bemerkenswerte Diskussion
über die Rolle der Frau unter gnostischen Offenbarungsträgern. Dabei kommt die
traditionell kritische Rolle des Apostels Petrus gegenüber Frauen (vgl. ThomasEv 114) zur Sprache und wird mit Argumenten
klassischer Erwählungstheologie abgewiesen.
Möglicherweise sieht der Herausgeber diese „Erwählungstheologie“
nicht richtig, denn es handelt sich dabei ja nicht um eine Willkür, sondern
einfach um die Unterscheidung zwischen denen, die verstanden haben, dass es um
den Weg der Befreiung geht und denen, die daraus ein Schema machen.
Datierung:
Der Text gehört wohl noch in die Anfänge der gnostischen
Bewegung. Die Auseinandersetzung mit dem katholischen Kirchenchristentum wird
in dem Konflikt zwischen Petrus und Maria deutlich. Die hervorragende Rolle
des Andreas (vor Petrus) weist auf ältere Zeiten (vgl. K. Berger, Im Anfang war
Johannes, 1997). Auch der aus dem Corpus Iohanneum
bekannte Streit über die Frage, ob und inwiefern Jesus ein neues Gebot gegeben
habe, findet sich hier fortgesetzt. Eine Datierung um 160 n. Chr. ist daher
jedenfalls zu rechtfertigen.
Textgrundlage:
W. C. Till, Die gnostischen Schriften des koptischen Papyrus Berolinensis 8502, 2. A. bearb.
von H.-M. Schenke, Berlin 1972, 62-79.
Die Einteilung in Kapitel und Verse ist hier neu. Die Seiten der
Handschrift werden in eckigen Klammern angegeben.
3O6
DAS EVANGELIUM NACH MARIA
1
[7] (fragte...) »Wird nun das Stoffliche zerstört werden oder
nicht?« / Der Erlöser antwortete: »Alle Wesen1, alle Gestalten2,
alle Geschöpfe3 bestehen ineinander und
miteinander. / Sie werden wieder vergehen, bis auf die Wurzel. / Denn das Stoffliche4 löst sich nur bis zu den Wurzeln
ihres Wesens hin auf. / Hört genau zu und bezieht es auf euch!5«
1 Griech.
Lehnwort physis. Das Wort physis - von uns mit »Wesen« übersetzt - ist
ein Leitwort der folgenden Verse bis 2,6.
2 Griech.
Lehnwort plasma.
3 Griech.
Lehnwort ktisis.
4 Wörtlich: »die physis
der hyle«.
5 Wörtlich: »Wer Ohren hat zu hören, der
höre!«
Weil das „Stoffliche“ sich auflöst, gilt es, sich von dessen
Trägheit zu befreien, was aber nicht heißt, das Stoffliche zu ignorieren,
sondern auf dieses Ineinander und Miteinander der Wesen und Gestalten
einzugehen.
2
Petrus fragte ihn: »Da du uns schon alle möglichen Dinge erklärt
hast, erkläre uns auch noch folgendes: Worin besteht die Sünde der Welt?« /Der Erlöser antwortete: »Die Sünde besteht nicht,
sondern ihr begeht sie, wenn euer Handeln dem Wesen nach wie Unzucht ist. Das
nennt man Sünde. / Das Gute hat jedoch mitten unter euch gewirkt, um jedes
Wesen wieder in seine Wurzel einzusetzen.« / Dann fuhr
er fort: »Ihr seid krank und sterbt, weil ihr eure Liebe an ein [8] Scheingut
geheftet habt.6 / Versucht, das auf euch anzuwenden!7
Das Stoffliche hat eine unvergleichlich heftige Leidenschaft
hervorgebracht. Doch sie kommt aus etwas, das dem Wesen entgegensteht. /
Daraufhin entsteht ein Aufruhr im ganzen Leib. / Deshalb habe ich euch gesagt:
Seid mutig, und auch wenn ihr jetzt mutlos seid, so könnt ihr doch Mut fassen,
weil das Wesen so viele Gestalten haben kann. / Hört genau zu und bezieht es
auf euch!«
6 Wörtlich: »weil ihr liebt, was euch
betrügen wird«.
7 Wörtlich: »Wer verstehen kann, der möge
verstehen!«
Die Sünde der Welt ist nicht etwas, das selbst ein Wesen hat,
sondern es ist ein Verhalten der Welt gegenüber, wenn die Verhältnisse nicht
gefühlt werden, sondern wenn genommen wird, was gar nicht gebraucht wird, wenn
ausgebeutet wird, wenn die Aussicht auf Lust den Blick auf das Notwendige
verstellt.
Es ist ein innerer Widerspruch. Es braucht Mut, diesen inneren
Widerspruch aufzuklären, denn diejenigen, die darin stecken, fürchten die
Aufklärung.
Und außerdem ist es ein Risiko, sich fühlend zu verhalten. Erfolg
ist nicht garantiert. Und es braucht Mut, das gewöhnliche Schema dessen, was
als gut gilt, zu verlassen, weil die anderen sich darüber empören werden. Doch
der fühlende Mensch entwickelt die Gestalt, die ihm angemessen ist, auch wenn
alles das für höchst ungewöhnlich oder gar als anstößig betrachten.
3
Als der selige (Erlöser) dieses gesagt hatte, umarmte er sie alle
zum Abschied und sagte: / »Friede sei mit euch! Nehmt meinen Frieden an! Hütet
euch, daß niemand euch in die Irre leite mit den
Worten >Seht hier!< oder >Seht da!< / Der
Menschensohn ist vielmehr in eu-
[Kapitel 1,1-5,6 1307]
rem Innern. / Folgt ihm nach! Wer ihn sucht, wird ihn finden.
/ Geht daher zu den Menschen und verkündet das Evangelium vom Reich. / Ich habe
kein Gebot erlassen außer dem, das ich für euch festgesetzt habe. / Ich habe
auch kein Gesetz gegeben, wie Gesetzgeber es tun, bei dem man immer sagen
könnte: Es betrifft mich nicht, ich werde dadurch nicht erfaßt.«
Nach diesen Worten ging der Erlöser weg. / Die Jünger und Jüngerinnen
aber waren traurig, weinten sehr und sagten: »Wie sollen wir zu den
Heidenvölkern gehen und das Evangelium vom Menschensohn predigen? / Wenn nicht
einmal er (von Drangsal bei der Verkündigung) verschont wurde, wie sollen wir
da verschont werden?«
Der Erlöser sagt, lasst euch nicht täuschen durch äußerliche
Ähnlichkeiten. Es geht nicht darum, etwas nachzuahmen, denn das Menschliche,
die Wahrheit kann nur aus dem Inneren erfühlt werden.
Wer danach trachtet, das Menschliche zu fühlen, der wird sein
Fühlen entwickeln.
Dehalb wollte Jesus seine Nachfolger durch kein bestimmtes Gebot
binden – außer dem, Fühlen zu lernen – denn alle konkreten Gebote werden
umgangen, wie am besten das Gleichnis vom barmherzigen Samariter zeigt.
Das war die Quintessenz seiner Botschaft. Und als er sie
weitergegeben hatte, verabschiedete er sich.
Die Jünger fühlten sich plötzlich verloren, denn sie hatten jetzt
niemand mehr, der ihnen sagte, was sie tun sollten. Und sie fragten sich, wie
sie mit dieser Unsicherheit leben oder gar eine frohe Botschaft verbreiten
konnten. Sie fürchteten den Misserfolg.
4
Da stand Maria auf, umarmte alle zum Gruß und sagte zu ihren
Brüdern (und Schwestern): / »Weint nicht! Seid nicht traurig und nicht verzagt!
/ Denn die Gnade des Erlösers wird euch alle begleiten und euch beschützen. /
Wir wollen vielmehr seine Größe preisen, denn er hat uns erschaffen und zu
Menschen gemacht.« Nachdem Maria das gesagt hatte,
lenkte sie die Gedanken der Mitjünger auf Gott, das wahre Gute. Sie begannen,
über die Worte des Erlösers zu diskutieren. / [10] Petrus bat Maria Magdalena:
»Schwester, wir wissen, daß der Erlöser dich mehr als
die übrigen Frauen liebte. / Sag uns die Worte des Erlösers, an die du dich erinnerst
und die du kennst, die wir aber nicht kennen, weil wir sie nicht gehört haben.« / Maria gab zur Antwort: »Ich will euch verkünden, was
vor euch bisher verborgen ist.«
Da steht Maria auf und fordert die Jünger auf, ihre Aufmerksamkeit
nicht auf den Verlust zu lenken, sondern auf den Gewinn, den sie durch Jesus
hatten. Sie machte sie darauf aufmerksam, dass das wahre Gute, die
schöpferische Kraft immer da war.
Als sich die Jünger aus der Starre ihrer Trauer gelöst hatten,
begannen sie, ihre Eindrücke von dem auszutauschen, was sie verstanden hatten.
Und nachdem Petrus bemerkt hatte, dass Maria Magdalena eine andere
Art Aufmerksamkeit gebracht hatte, fragte er sie gleich nach ihrem Verständnis.
Und Maria spricht.
5
Sie begann mit ihrer Rede: »Ich sah den Herrn in einer Vision. Da
sagte ich zu ihm: >Herr, ich habe dich heute in einer Vision geschaut. /
Der Erlöser antwortete: >Du Glückliche, daß du bei
meinem Anblick nicht außer Fassung gerätst. / Denn wo das Verstehen8
ist, da ist der Schatz.< / Ich fragte ihn:
>Herr, sag mir: Wenn einer eine Vision hat, nimmt er sie mit der natürlichen
Seele auf oder mit dem Heiligen Geist?< / Der Erlöser erwiderte: >Nicht
mit der Seele und nicht mit dem Heiligen Geist, sondern durch das Verstehen. /
Das liegt in der Mitte zwischen beiden. Das Verstehen sieht die Vision, und es
ist (.. .).<
8 Griechisches Lehnwort: nous. Der »Nous« ist für das
hellenistische Judentum und die frühe Gnosis das höchste geistig-geistliche
Vermögen des Menschen.
Maria hat Jesus gesehen als das, was er ist: ein Abgesandter des
Himmels. Jesus bestätigt ihre Sicht. Sie fragt sich, was das ist, wodurch sie
ihn sehen konnte, ob die Seele ist oder der Heilige Geist. Jesus sagt ihr, es
ist das Verstehen, das sich Einfühlen.
Klarerweise folgt die hier fehlende Frage, was denn das sich
Einfühlen behindert und als Antwort kommen die sieben Gewalten, die versuchen,
die Seele zu fesseln.
Die erste dieser Gewalten ist die Dunkelheit, also das Nicht-Sehen.
In der Dunkelheit geschehen viele Fehler, die zu Misserfolg und Zorn führen.
Daraus ergibt sich als etwas Sichtbares in der Dunkelheit der Blick
auf das Begehrte.
Aber der Weg der Begehrlichkeit zeigt sich der Seele bald als ein
Hindernis, das sie überwinden möchte. Sie ist nach Höherem aus.
[1308 Das Evangelium nach Maria]
6
(...) [15] Und die Begehrlichkeit9 sagte: >Ich habe nicht gesehen, wie du10 heruntergekommen bist. Jetzt aber sehe ich
dich hinaufsteigen. / Wieso lügst du, da du doch zu mir gehörst?<11 / Die Seele antwortete: >Ich habe
dich gesehen. Du hast mich nicht gesehen und mich nicht erkannt. / Ich war ein
Kleid für dich, aber du hast mich nicht erkannt. / Nachdem die Seele das gesagt
hatte, ging sie weg und jubelte voll Freude.
Die Begehrlichkeit fürchtet, allein gelassen zu werden, indem die
Seele einfach weitergeht. Die Begehrlichkeit möchte die Seele festhalten, indem
sie behauptet, die Seele gehöre zu ihr und dass sie lüge, wenn sie einfach
weitergeht. Aber die Seele lässt sich nicht festhalten und sie jubelt, sobald
es ihr gelungen ist, sich von der Begehrlichkeit zu befreien.
Da gelangte sie zur dritten Gewalt,
deren Name Unwissenheit ist. / Diese fragte die Seele: Wohin
gehst du? Man hat dich ergriffen, als du in Bosheit verfallen warst. Deshalb
solltest du nicht richten!< / Die Seele erwiderte:
>Warum richtest du mich, obwohl ich nicht gerichtet habe? / Ich bin
ergriffen worden, obwohl ich nicht ergriffen habe. / Ich bin nicht erkannt
worden, aber ich habe erkannt, daß das geschaffene
All vergeht, sowohl die irdischen Dinge [16] als auch die himmlischen.<
9 In dem Abschnitt 6,1-7,15 wird der Aufstieg der irdischen Seele
vom Sichtbaren zum Unsichtbaren zum Thema. Auf ihrem Weg muß
die Seele verschiedene Hindernisse überwinden. Die einzelnen Stationen ihres
Weges werden im Sinne von Zollstationen vorgestellt. Die Gewalten, die die
Seele überwinden muß, sind negative Eigenschaften,
Laster etc. In 8,7-1 5 wird die erreichte Erlösung verkündet. - Die erste
Station, deren Dialog mit der »Seele« hier erhalten ist, ist die Begehrlichkeit.
10 Fem.; bezogen auf die
kreatürliche Seele.
11 Die Begehrlichkeit möchte die Seele gerne bei sich
behalten und besitzen. Daher dieses Argument.
Die Unwissenheit behauptet, die Seele sei ertappt worden dabei,
böse zu sein in der Zeit als sie dem Begehren folgte. Die Unwissenheit will
diese Beschuldigung dazu benützen, sich selbst vor Beschuldigungen zu schützen.
Doch sie Seele erwidert, sie habe niemand beschuldigt, vielmehr sei es die
Unwissenheit, die beschuldigt habe. Es gehe nicht um die irdischen Dinge,
sondern darum erfasst zu werden, sich erfassen zu lassen. Und entscheidend
dabei sei, nicht darauf zu warten, erkannt zu werden, sondern zu erkennen und
entsprechend zu handeln. Entsprechend überwindet sie die Unwissenheit.
Als nächstes begegnet sie der Todesangst, denn ihr Handeln ruft
Reaktionen hervor. Und die sich davon bedroht fühlen, die Begehrlichen und die
Unwissenden, gehen dazu über selbst zu bedrohen. Daraus resultiert die
Todesangst.
Es braucht Stärke, um sie Todesangst zu überwinden. Und dabei zeigt
sich, dass ein Mensch beschränkt ist in seiner Kraft. Dieses Bewusstsein der
Schwäche könnte die Seele lähmen. Sie muss sich daraus befreien. Und so lernt
die Seele zu unterscheiden zwischen den Dingen, die verändert werden können und
den Dingen, die akzeptiert werden müssen.
Daraus ergibt sich die Versuchung, dieses Wissen zu benützen für
Dinge, die nicht zum Weg gehören – es ist ja der Weg in den Himmel. Diese
Versuchung wirkt als eine Fessel, die die Seele eine Weile behindern.
Da lernt die Seele, den Weg zu sehen, der in den Himmel führt. Aber
es fällt ihr noch schwer, diesen Weg auch zu gehen. Sie wird ärgerlich über
die, die sich überhaupt nicht um diesen Weg bemühen. Sie wird zornig. Aber
irgendwann merkt sie, dass dieser Zorn nur ein neues Hindernis ist.
7
Nachdem die Seele die dritte Gewalt hinter sich gelassen hatte,
stieg sie aufwärts und sah die vierte Gewalt.
(Der gesamte Weg der Seele nach oben) ist siebengestaltig.12
/ Die erste Gestalt ist die Finsternis, die zweite die Begehrlichkeit, die dritte die Unwissenheit, die
vierte die Todesangst, die fünfte das Reich der Schwäche13, die sechste die törichte Klugheit, die siebte die zornige Weisheit. / Das sind die sieben, die dem Zorn
verfallen sind. / Sie fragen die Seele: Woher kommst du, Seele, durch die die
Menschen sterben? / Wohin gehst du, Seele, die du von Ort zu Ort gehst?< / Die Seele antwortet: >(Der Körper, der) mein
Behältnis war, ist getötet worden. / (Die Begehrlichkeit, die mich von der
[Kapitel 6,1-9,10 1309]
rechten Bahn) abgewendet hat, ist überwunden worden. / Die Begierde,
die in mir war, ist versiegt. / Die Unwissenheit ist gestorben. / In einer
(irdischen) Welt wurde ich erlöst [17] von einer (himmlischen) Welt. / In
einer (irdischen) Gestalt wurde ich erlöst von einer himmlischen14
Gestalt. / Ich wurde erlöst aus der Fessel, nichts erkennen zu können. / Doch
diese Fessel ist zeitlich begrenzt. / Nach dem Ende dieser Zeit werde ich die
himmlische Heimat erlangen, wenn die Zeit des Äons in Schweigen angebrochen ist.<«
12 Es folgt jetzt eine Kurzfassung des Weges nach oben
insgesamt. Davon hat die Übersetzung nach dem erhaltenen Wortlaut schon die
Stationen Begehrlichkeit und Unwissenheit mitverfolgen können.
13 Griechisches Lehnwort: sarx.
14 Wörtlich: »oberen«
Von all den Fesseln der Seele kommt der Vorwurf, dass die Seele das
Ende von ihnen allen herbeiführt. Und sie fragen die Seele, woher sie kommt und
wohin sie geht. Sie sehen nur, dass sie sich nicht aufhalten lässt. Sie lässt
am Ende sogar den Körper hinter sich, denn die Seele muss sich von ihren
Fesseln befreien, die allesamt Illusionen sind und zu Zorn führen. Was erlöst,
ist nicht das Irdische, sondern das Himmlische. Und das Himmlische ist das Ziel
der Reise.
8
Als Maria das gesagt hatte, schwieg sie. Bis dahin hatte der
Erlöser mit ihr gesprochen. / Andreas sagte zu den Brüdern: »Sagt, was ihr zu
Marias Worten denkt. / Ich wenigstens glaube nicht, daß
der Erlöser das gesagt hat. Denn dies sind doch fremde Lehren.« / Petrus äußerte sich dazu und fragte dann die Jünger, ob
dem Erlöser so etwas zuzutrauen sei: / »Sollte der Erlöser heimlich mit einer
Frau gesprochen haben, sie bevorzugt haben vor uns und (das alles nicht)
offen? Was sollen wir denn jetzt tun? Sollen wir umdenken und auf sie hören?
Hat der Erlöser sie gegenüber uns bevorzugt?«
Petrus wollte das nicht hören, weil es ihm sagte, dass Jesus diese
Frau ihm vorgezogen hatte, weil er in der Begehrlichkeit feststeckte und Übles
auf sie projizierte.
9
[18] Da weinte Maria Magdalena und sagte zu Petrus: »Mein Bruder
Petrus, was glaubst du denn? / Glaubst du, ich hätte mir das in meinem Herzen
selbst ausgedacht oder ich lüge über den Erlöser?« /
Levi beruhigte sie und sagte zu Petrus: »Petrus, du bist schon immer ein
Hitzkopf gewesen. Und nun kanzelst du eine Frau ab, als wäre sie der Teufel
persönlich. / Doch wenn der Erlöser sie für ihre Aufgabe befähigt hat, wer bist
du denn, daß du sie einfach für unglaubwürdig
erklärst? / Sicher kennt der Erlöser sie ganz genau. / Deshalb hat er sie mehr
als uns geliebt. / Wir sollten uns vielmehr schämen und den vollkommenen
Menschen wie ein Gewand anziehen.15 /
Dann sollten wir Abschied nehmen, wie er es uns geboten hat, und das Evangelium
verkünden. / Dabei sollten wir über das hinaus, was der Erlöser gesagt hat,
kein weiteres Gesetz verkünden.« / Als Levi das
gesagt hatte, machten sich die Jünger auf den Weg, um das Evangelium zu
verkündigen und zu predigen. Das Evangelium nach Maria.
15 Vgl. Eph 4,24.
Levi mischt sich ein und versteht, warum Jesus Maria dem Petrus
vorgezogen hat. Er versteht, dass er in Konsequenz dessen, was Maria erzählt
hat, den vollkommenen Menschen wie ein Gewand anziehen muss. Dass nur das der
Weg in den Himmel sein kann.
Sobald allen klar ist, dass das der Weg ist, können sie sich
trennen und ihre Arbeit beginnen, den Himmel zu verbreiten, immer eingedenk der
Notwendigkeit, sich von den sieben Fesseln der Seele zu befreien, von der
Finsternis, von der Begehrlichkeit, von der Unwissenheit, von der Todesangst,
von der Schwäche13, von der törichten
Klugheit und von der zornigen Weisheit. Nur dann kann der Himmel kommen.
Das ist das Evangelium der Maria Magdalena.