Das Evangelium nach Maria

 

[Aus: „Das neue Testament und frühchristliche Schriften“ übersetzt und kommentiert von Klaus Berger und Christiane Nord. Insel Verlag, Frankfurt 1999, Seite 1305 – 1309]

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Maria Magdalena 16. Jh. Holland

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Einleitung:

Das Evangelium nach Maria (Magdalena) gehört zu den Texten des koptischen Papyrus Berolinensis 8502. Es ist eines der »Evangelien«, die Dialoge zwischen dem Auferstandenen und Jüngern und Jüngerinnen zum Inhalt haben.

In den Kapiteln 8 und 9 findet sich eine bemerkenswerte Diskus­sion über die Rolle der Frau unter gnostischen Offenbarungsträ­gern. Dabei kommt die traditionell kritische Rolle des Apostels Petrus gegenüber Frauen (vgl. ThomasEv 114) zur Sprache und wird mit Argumenten klassischer Erwählungstheologie abgewie­sen.

Möglicherweise sieht der Herausgeber diese „Erwählungstheologie“ nicht richtig, denn es handelt sich dabei ja nicht um eine Willkür, sondern einfach um die Unterscheidung zwischen denen, die verstanden haben, dass es um den Weg der Befreiung geht und denen, die daraus ein Schema machen.

 

 

Datierung:

Der Text gehört wohl noch in die Anfänge der gnosti­schen Bewegung. Die Auseinandersetzung mit dem katholischen Kirchenchristentum wird in dem Konflikt zwischen Petrus und Ma­ria deutlich. Die hervorragende Rolle des Andreas (vor Petrus) weist auf ältere Zeiten (vgl. K. Berger, Im Anfang war Johannes, 1997). Auch der aus dem Corpus Iohanneum bekannte Streit über die Frage, ob und inwiefern Jesus ein neues Gebot gegeben habe, findet sich hier fortgesetzt. Eine Datierung um 160 n. Chr. ist daher jedenfalls zu rechtfertigen.

 

 

Textgrundlage:

W. C. Till, Die gnostischen Schriften des koptischen Papyrus Berolinensis 8502, 2. A. bearb. von H.-M. Schenke, Berlin 1972, 62-79.

Die Einteilung in Kapitel und Verse ist hier neu. Die Seiten der Handschrift werden in eckigen Klammern angegeben.

 

 


3O6

DAS EVANGELIUM NACH MARIA

 

 

1

[7] (fragte...) »Wird nun das Stoffliche zerstört werden oder nicht / Der Erlöser antwortete: »Alle Wesen1, alle Gestalten2, alle Geschöpfe3 bestehen ineinander und miteinander. / Sie werden wie­der vergehen, bis auf die Wurzel. / Denn das Stoffliche4 löst sich nur bis zu den Wurzeln ihres Wesens hin auf. / Hört genau zu und be­zieht es auf euch!5«

 

1 Griech. Lehnwort physis. Das Wort physis - von uns mit »Wesen« über­setzt - ist ein Leitwort der folgenden Verse bis 2,6.

2 Griech. Lehnwort plasma.

3 Griech. Lehnwort ktisis.

4 Wörtlich: »die physis der hyle«.

5 Wörtlich: »Wer Ohren hat zu hören, der höre

Weil das „Stoffliche“ sich auflöst, gilt es, sich von dessen Trägheit zu befreien, was aber nicht heißt, das Stoffliche zu ignorieren, sondern auf dieses Ineinander und Miteinander der Wesen und Gestalten einzugehen.

 

2

Petrus fragte ihn: »Da du uns schon alle möglichen Dinge erklärt hast, erkläre uns auch noch folgendes: Worin besteht die Sünde der Welt /Der Erlöser antwortete: »Die Sünde besteht nicht, sondern ihr begeht sie, wenn euer Handeln dem Wesen nach wie Unzucht ist. Das nennt man Sünde. / Das Gute hat jedoch mitten unter euch gewirkt, um jedes Wesen wieder in seine Wurzel einzusetzen / Dann fuhr er fort: »Ihr seid krank und sterbt, weil ihr eure Liebe an ein [8] Scheingut geheftet habt.6 / Versucht, das auf euch anzu­wenden!7

Das Stoffliche hat eine unvergleichlich heftige Leidenschaft hervor­gebracht. Doch sie kommt aus etwas, das dem Wesen entgegen­steht. / Daraufhin entsteht ein Aufruhr im ganzen Leib. / Deshalb habe ich euch gesagt: Seid mutig, und auch wenn ihr jetzt mutlos seid, so könnt ihr doch Mut fassen, weil das Wesen so viele Gestal­ten haben kann. / Hört genau zu und bezieht es auf euch

 

6 Wörtlich: »weil ihr liebt, was euch betrügen wird«.

7 Wörtlich: »Wer verstehen kann, der möge verstehen

Die Sünde der Welt ist nicht etwas, das selbst ein Wesen hat, sondern es ist ein Verhalten der Welt gegenüber, wenn die Verhältnisse nicht gefühlt werden, sondern wenn genommen wird, was gar nicht gebraucht wird, wenn ausgebeutet wird, wenn die Aussicht auf Lust den Blick auf das Notwendige verstellt.

Es ist ein innerer Widerspruch. Es braucht Mut, diesen inneren Widerspruch aufzuklären, denn diejenigen, die darin stecken, fürchten die Aufklärung.

Und außerdem ist es ein Risiko, sich fühlend zu verhalten. Erfolg ist nicht garantiert. Und es braucht Mut, das gewöhnliche Schema dessen, was als gut gilt, zu verlassen, weil die anderen sich darüber empören werden. Doch der fühlende Mensch entwickelt die Gestalt, die ihm angemessen ist, auch wenn alles das für höchst ungewöhnlich oder gar als anstößig betrachten.

 

3

Als der selige (Erlöser) dieses gesagt hatte, umarmte er sie alle zum Abschied und sagte: / »Friede sei mit euch! Nehmt meinen Frieden an! Hütet euch, daß niemand euch in die Irre leite mit den Worten >Seht hier!< oder >Seht da!< / Der Menschensohn ist vielmehr in eu-

[Kapitel 1,1-5,6                                                                                                          1307]

rem Innern. / Folgt ihm nach! Wer ihn sucht, wird ihn finden. / Geht daher zu den Menschen und verkündet das Evangelium vom Reich. / Ich habe kein Gebot erlassen außer dem, das ich für euch festge­setzt habe. / Ich habe auch kein Gesetz gegeben, wie Gesetzgeber es tun, bei dem man immer sagen könnte: Es betrifft mich nicht, ich werde dadurch nicht erfaßt

Nach diesen Worten ging der Erlöser weg. / Die Jünger und Jünge­rinnen aber waren traurig, weinten sehr und sagten: »Wie sollen wir zu den Heidenvölkern gehen und das Evangelium vom Menschen­sohn predigen? / Wenn nicht einmal er (von Drangsal bei der Ver­kündigung) verschont wurde, wie sollen wir da verschont werden

Der Erlöser sagt, lasst euch nicht täuschen durch äußerliche Ähnlichkeiten. Es geht nicht darum, etwas nachzuahmen, denn das Menschliche, die Wahrheit kann nur aus dem Inneren erfühlt werden.

Wer danach trachtet, das Menschliche zu fühlen, der wird sein Fühlen entwickeln.

Dehalb wollte Jesus seine Nachfolger durch kein bestimmtes Gebot binden – außer dem, Fühlen zu lernen – denn alle konkreten Gebote werden umgangen, wie am besten das Gleichnis vom barmherzigen Samariter zeigt.

Das war die Quintessenz seiner Botschaft. Und als er sie weitergegeben hatte, verabschiedete er sich.

Die Jünger fühlten sich plötzlich verloren, denn sie hatten jetzt niemand mehr, der ihnen sagte, was sie tun sollten. Und sie fragten sich, wie sie mit dieser Unsicherheit leben oder gar eine frohe Botschaft verbreiten konnten. Sie fürchteten den Misserfolg.

 

 

4

Da stand Maria auf, umarmte alle zum Gruß und sagte zu ihren Brüdern (und Schwestern): / »Weint nicht! Seid nicht traurig und nicht verzagt! / Denn die Gnade des Erlösers wird euch alle beglei­ten und euch beschützen. / Wir wollen vielmehr seine Größe prei­sen, denn er hat uns erschaffen und zu Menschen gemacht Nachdem Maria das gesagt hatte, lenkte sie die Gedanken der Mitjünger auf Gott, das wahre Gute. Sie begannen, über die Worte des Erlösers zu diskutieren. / [10] Petrus bat Maria Magdalena: »Schwester, wir wissen, daß der Erlöser dich mehr als die übrigen Frauen liebte. / Sag uns die Worte des Erlösers, an die du dich erin­nerst und die du kennst, die wir aber nicht kennen, weil wir sie nicht gehört haben / Maria gab zur Antwort: »Ich will euch ver­künden, was vor euch bisher verborgen ist

Da steht Maria auf und fordert die Jünger auf, ihre Aufmerksamkeit nicht auf den Verlust zu lenken, sondern auf den Gewinn, den sie durch Jesus hatten. Sie machte sie darauf aufmerksam, dass das wahre Gute, die schöpferische Kraft immer da war.

Als sich die Jünger aus der Starre ihrer Trauer gelöst hatten, begannen sie, ihre Eindrücke von dem auszutauschen, was sie verstanden hatten.

Und nachdem Petrus bemerkt hatte, dass Maria Magdalena eine andere Art Aufmerksamkeit gebracht hatte, fragte er sie gleich nach ihrem Verständnis. Und Maria spricht.

 

 

5

Sie begann mit ihrer Rede: »Ich sah den Herrn in einer Vision. Da sagte ich zu ihm: >Herr, ich habe dich heute in einer Vision ge­schaut. / Der Erlöser antwortete: >Du Glückliche, daß du bei mei­nem Anblick nicht außer Fassung gerätst. / Denn wo das Verstehen8 ist, da ist der Schatz.< / Ich fragte ihn: >Herr, sag mir: Wenn einer eine Vision hat, nimmt er sie mit der natürlichen Seele auf oder mit dem Heiligen Geist?< / Der Erlöser erwiderte: >Nicht mit der Seele und nicht mit dem Heiligen Geist, sondern durch das Verstehen. / Das liegt in der Mitte zwischen beiden. Das Verstehen sieht die Vision, und es ist (.. .).<

 

8 Griechisches Lehnwort: nous. Der »Nous« ist für das hellenistische Judentum und die frühe Gnosis das höchste geistig-geistliche Vermögen des Menschen.

Maria hat Jesus gesehen als das, was er ist: ein Abgesandter des Himmels. Jesus bestätigt ihre Sicht. Sie fragt sich, was das ist, wodurch sie ihn sehen konnte, ob die Seele ist oder der Heilige Geist. Jesus sagt ihr, es ist das Verstehen, das sich Einfühlen.

Klarerweise folgt die hier fehlende Frage, was denn das sich Einfühlen behindert und als Antwort kommen die sieben Gewalten, die versuchen, die Seele zu fesseln.

Die erste dieser Gewalten ist die Dunkelheit, also das Nicht-Sehen. In der Dunkelheit geschehen viele Fehler, die zu Misserfolg und Zorn führen.

Daraus ergibt sich als etwas Sichtbares in der Dunkelheit der Blick auf das Begehrte.

Aber der Weg der Begehrlichkeit zeigt sich der Seele bald als ein Hindernis, das sie überwinden möchte. Sie ist nach Höherem aus.

 

[1308                                                                       Das Evangelium nach Maria]

 

 

6

(...) [15] Und die Begehrlichkeit9 sagte: >Ich habe nicht gesehen, wie du10 heruntergekommen bist. Jetzt aber sehe ich dich hinauf­steigen. / Wieso lügst du, da du doch zu mir gehörst?<11 / Die Seele antwortete: >Ich habe dich gesehen. Du hast mich nicht gesehen und mich nicht erkannt. / Ich war ein Kleid für dich, aber du hast mich nicht erkannt. / Nachdem die Seele das gesagt hatte, ging sie weg und jubelte voll Freude.

Die Begehrlichkeit fürchtet, allein gelassen zu werden, indem die Seele einfach weitergeht. Die Begehrlichkeit möchte die Seele festhalten, indem sie behauptet, die Seele gehöre zu ihr und dass sie lüge, wenn sie einfach weitergeht. Aber die Seele lässt sich nicht festhalten und sie jubelt, sobald es ihr gelungen ist, sich von der Begehrlichkeit zu befreien.

 

Da gelangte sie zur dritten Gewalt, deren Name Unwissenheit ist. / Diese fragte die Seele: Wohin gehst du? Man hat dich ergriffen, als du in Bosheit verfallen warst. Deshalb solltest du nicht richten!< / Die Seele erwiderte: >Warum richtest du mich, obwohl ich nicht ge­richtet habe? / Ich bin ergriffen worden, obwohl ich nicht ergriffen habe. / Ich bin nicht erkannt worden, aber ich habe erkannt, daß das geschaffene All vergeht, sowohl die irdischen Dinge [16] als auch die himmlischen.<

 

9 In dem Abschnitt 6,1-7,15 wird der Aufstieg der irdischen Seele vom Sichtbaren zum Unsichtbaren zum Thema. Auf ihrem Weg muß die Seele verschiedene Hindernisse überwinden. Die einzelnen Stationen ihres Weges werden im Sinne von Zollstationen vorgestellt. Die Gewalten, die die Seele überwinden muß, sind negative Eigenschaften, Laster etc. In 8,7-1 5 wird die erreichte Erlösung verkündet. - Die erste Station, deren Dialog mit der »Seele« hier erhalten ist, ist die Begehrlichkeit.

10 Fem.; bezogen auf die kreatürliche Seele.

11 Die Begehrlichkeit möchte die Seele gerne bei sich behalten und besitzen. Daher dieses Argument.

Die Unwissenheit behauptet, die Seele sei ertappt worden dabei, böse zu sein in der Zeit als sie dem Begehren folgte. Die Unwissenheit will diese Beschuldigung dazu benützen, sich selbst vor Beschuldigungen zu schützen. Doch sie Seele erwidert, sie habe niemand beschuldigt, vielmehr sei es die Unwissenheit, die beschuldigt habe. Es gehe nicht um die irdischen Dinge, sondern darum erfasst zu werden, sich erfassen zu lassen. Und entscheidend dabei sei, nicht darauf zu warten, erkannt zu werden, sondern zu erkennen und entsprechend zu handeln. Entsprechend überwindet sie die Unwissenheit.

Als nächstes begegnet sie der Todesangst, denn ihr Handeln ruft Reaktionen hervor. Und die sich davon bedroht fühlen, die Begehrlichen und die Unwissenden, gehen dazu über selbst zu bedrohen. Daraus resultiert die Todesangst.

Es braucht Stärke, um sie Todesangst zu überwinden. Und dabei zeigt sich, dass ein Mensch beschränkt ist in seiner Kraft. Dieses Bewusstsein der Schwäche könnte die Seele lähmen. Sie muss sich daraus befreien. Und so lernt die Seele zu unterscheiden zwischen den Dingen, die verändert werden können und den Dingen, die akzeptiert werden müssen.

Daraus ergibt sich die Versuchung, dieses Wissen zu benützen für Dinge, die nicht zum Weg gehören – es ist ja der Weg in den Himmel. Diese Versuchung wirkt als eine Fessel, die die Seele eine Weile behindern.

Da lernt die Seele, den Weg zu sehen, der in den Himmel führt. Aber es fällt ihr noch schwer, diesen Weg auch zu gehen. Sie wird ärgerlich über die, die sich überhaupt nicht um diesen Weg bemühen. Sie wird zornig. Aber irgendwann merkt sie, dass dieser Zorn nur ein neues Hindernis ist.

 

7

Nachdem die Seele die dritte Gewalt hinter sich gelassen hatte, stieg sie aufwärts und sah die vierte Gewalt.

(Der gesamte Weg der Seele nach oben) ist siebengestaltig.12 / Die erste Gestalt ist die Finsternis, die zweite die Begehrlichkeit, die dritte die Unwissenheit, die vierte die Todesangst, die fünfte das Reich der Schwäche13, die sechste die törichte Klugheit, die siebte die zornige Weisheit. / Das sind die sieben, die dem Zorn verfallen sind. / Sie fragen die Seele: Woher kommst du, Seele, durch die die Menschen sterben? / Wohin gehst du, Seele, die du von Ort zu Ort gehst?< / Die Seele antwortet: >(Der Körper, der) mein Behältnis war, ist getötet worden. / (Die Begehrlichkeit, die mich von der

[Kapitel 6,1-9,10                                                                                                        1309]

rechten Bahn) abgewendet hat, ist überwunden worden. / Die Be­gierde, die in mir war, ist versiegt. / Die Unwissenheit ist gestorben. / In einer (irdischen) Welt wurde ich erlöst [17] von einer (himmli­schen) Welt. / In einer (irdischen) Gestalt wurde ich erlöst von einer himmlischen14 Gestalt. / Ich wurde erlöst aus der Fessel, nichts er­kennen zu können. / Doch diese Fessel ist zeitlich begrenzt. / Nach dem Ende dieser Zeit werde ich die himmlische Heimat erlangen, wenn die Zeit des Äons in Schweigen angebrochen ist.<«

12 Es folgt jetzt eine Kurzfassung des Weges nach oben insgesamt. Davon hat die Übersetzung nach dem erhaltenen Wortlaut schon die Stationen Begehrlichkeit und Unwissenheit mitverfolgen können.

13 Griechisches Lehnwort: sarx.

14 Wörtlich: »oberen«

Von all den Fesseln der Seele kommt der Vorwurf, dass die Seele das Ende von ihnen allen herbeiführt. Und sie fragen die Seele, woher sie kommt und wohin sie geht. Sie sehen nur, dass sie sich nicht aufhalten lässt. Sie lässt am Ende sogar den Körper hinter sich, denn die Seele muss sich von ihren Fesseln befreien, die allesamt Illusionen sind und zu Zorn führen. Was erlöst, ist nicht das Irdische, sondern das Himmlische. Und das Himmlische ist das Ziel der Reise.

 

8

Als Maria das gesagt hatte, schwieg sie. Bis dahin hatte der Erlöser mit ihr gesprochen. / Andreas sagte zu den Brüdern: »Sagt, was ihr zu Marias Worten denkt. / Ich wenigstens glaube nicht, daß der Er­löser das gesagt hat. Denn dies sind doch fremde Lehren / Petrus äußerte sich dazu und fragte dann die Jünger, ob dem Erlöser so et­was zuzutrauen sei: / »Sollte der Erlöser heimlich mit einer Frau ge­sprochen haben, sie bevorzugt haben vor uns und (das alles nicht) offen? Was sollen wir denn jetzt tun? Sollen wir umdenken und auf sie hören? Hat der Erlöser sie gegenüber uns bevorzugt

Petrus wollte das nicht hören, weil es ihm sagte, dass Jesus diese Frau ihm vorgezogen hatte, weil er in der Begehrlichkeit feststeckte und Übles auf sie projizierte.

 

 

9

[18] Da weinte Maria Magdalena und sagte zu Petrus: »Mein Bru­der Petrus, was glaubst du denn? / Glaubst du, ich hätte mir das in meinem Herzen selbst ausgedacht oder ich lüge über den Erlöser / Levi beruhigte sie und sagte zu Petrus: »Petrus, du bist schon im­mer ein Hitzkopf gewesen. Und nun kanzelst du eine Frau ab, als wäre sie der Teufel persönlich. / Doch wenn der Erlöser sie für ihre Aufgabe befähigt hat, wer bist du denn, daß du sie einfach für unglaubwürdig erklärst? / Sicher kennt der Erlöser sie ganz genau. / Deshalb hat er sie mehr als uns geliebt. / Wir sollten uns vielmehr schämen und den vollkommenen Menschen wie ein Gewand anzie­hen.15 / Dann sollten wir Abschied nehmen, wie er es uns geboten hat, und das Evangelium verkünden. / Dabei sollten wir über das hinaus, was der Erlöser gesagt hat, kein weiteres Gesetz verkün­den / Als Levi das gesagt hatte, machten sich die Jünger auf den Weg, um das Evangelium zu verkündigen und zu predigen. Das Evangelium nach Maria.

 

15 Vgl. Eph 4,24.

Levi mischt sich ein und versteht, warum Jesus Maria dem Petrus vorgezogen hat. Er versteht, dass er in Konsequenz dessen, was Maria erzählt hat, den vollkommenen Menschen wie ein Gewand anziehen muss. Dass nur das der Weg in den Himmel sein kann.

Sobald allen klar ist, dass das der Weg ist, können sie sich trennen und ihre Arbeit beginnen, den Himmel zu verbreiten, immer eingedenk der Notwendigkeit, sich von den sieben Fesseln der Seele zu befreien, von der Finsternis, von der Begehrlichkeit, von der Unwissenheit, von der Todesangst, von der Schwäche13, von der törichten Klugheit und von der zornigen Weisheit. Nur dann kann der Himmel kommen.

 

Das ist das Evangelium der Maria Magdalena.